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Konzept für Mobilität im Altenheim

bearbeitet von unserem(r) Redakteur(in) Roland Bruzek

28.07.11




aus: Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
Universität Witten/Herdecke, Jan Vestweber, 26.07.2011

Wittener Pflegewissenschaftlerin entwickelt Konzept für Mobilität im Altenheim

Nach dem erfolgreichen Einsatz in Bayern und Berlin soll das Programm auf
Nordrhein-Westfalen ausgeweitet werden

Eine der größten Ängste, die die Menschen in Deutschland haben, ist die
vor Immobilität und dem Verlust von Autonomie im Alter. In ein Altenheim
zu ziehen, ist für viele eine echte Horrorvorstellung. Das ist nicht ganz
unbegründet. ?40 bis 50 Prozent der Leute, die in ein Altenheim kommen,
können schon ein Jahr später nicht mehr selbst gehen und stehen?, sagt
Prof. Dr. Angelika Zegelin vom Department für Pflegewissenschaft der
Universität Witten/Herdecke. ?Dabei sind diese Leute oft gar nicht
gelähmt, sondern nur gebrechlich und schwach. Sie verlernen ganz einfach
das Laufen und Stehen, weil es nicht richtig gefördert wird.? Und landen
dadurch nach wenigen Monaten im Rollstuhl. Oftmals setzt die
Immobilisierung durch den Heimeinzug selbst ein.

?Das muss aber nicht so sein?, macht die Pflegewissenschaftlerin klar. Mit
ihrem Programm zur ?Mobilitätsförderung in der Altenpflege? möchte sie
diesem Trend entgegenwirken. Dabei geht es darum, nach der Durchführung
einer ersten ?Ist-Analyse? vor Ort geeignete einrichtungsspezifische
Gegenmaßnahmen einzuleiten, umzusetzen und wissenschaftlich zu begleiten.
Dabei gilt immer: ?Bewegung muss Freude und Sinn machen. Es muss sich für
die Bewohner lohnen, den Schmerz, der erstmal durch die Bewegung entsteht,
auszuhalten.? Dazu gibt es verschiedene Maßnahmen, die je nach Stärken und
Schwächen der jeweiligen Einrichtung individuell auszuwählen und
anzupassen sind.

?Wir alle bewegen uns ja meist intentional?, sagt Prof. Zegelin. Erstes
Ziel sei es also, Orte zu schaffen, die es zu erkunden lohnt. Dies kann
auch dadurch erreicht werden, dass Spielautomaten in verschiedenen Ecken
der Einrichtung aufgestellt werden. ?Das können durchaus ?schräge? Sachen
sein, die neugierig machen. Wir müssen zeigen, dass das Leben in einem
Altenheim noch nicht zu Ende ist. Ich selbst würde jedenfalls lieber in
ein Heim Namens ?Sündenpfuhl? einziehen als in das Heim ?Abendfrieden?.?

Auch die Umsetzung des Konzeptes der von ihr entwickelten und oft
kopierten ?Klinikspaziergänge? ist eine Möglichkeit, Mobilität zu fördern.
Dabei werden den Bewohnern an verschiedenen über die Einrichtung
verteilten Stationen interessante Orte geboten, die über einen
?Mobilitätspfad? oder eine ?Spazierroute? miteinander verbunden sind. Zu
besichtigen sind dort Bilder und Gemälde, die Assoziationen zur Jugendzeit
der Bewohner fördern, Gedichte, eine Jukebox mit alten Schlagern, eine
Sport- und Spielecke, ein großes Aquarium oder eine Handarbeitsecke. Auch
das von Prof. Zegelin entwickelte Biografie-Poster kommt zum Einsatz.
Dabei handelt es sich um eine riesige Grafik, in der hunderte von Details
aufgenommen sind, so dass es dort bei jedem Besuch etwas Neues zu
entdecken gibt. In diesem Rückblick über mehrere Jahrzehnte enthalten sind
?alte Bekannte? wie die D-Mark, Figuren von Wilhelm Busch, Werbeslogans
aus vergangenen Tagen, Filmplakate und Zeichnungen von historischen
Ereignissen.

?Wichtig ist uns dabei vor allem, dass die Leute weg von der ?Wartesaal
auf den Tod?-Einstellung kommen?, sagt Prof. Zegelin. ?Wir versuchen, sie
einzubeziehen, sie zu bestätigen, und vor allem, ihnen so viel Alltag wie
möglich zu erhalten. Wer mit der Einstellung in ein Altenheim geht, dass
ihm hier alles abgenommen und für ihn geregelt wird, der befindet sich
bereits in der Abwärtsspirale, die mit dem völligen Verlust der
Selbstständigkeit endet.? Deshalb sei es Ziel ihres Programms, zumindest
eine ?Autonomie im Nahradius? zu erhalten. Dies könne mit dem ?Drei-
Schritte-Programm? und dem selbstständigen Besuch der Toilette im eigenen
Zimmer erreicht werden. ?Wir bieten eine Vorschlagliste von etwa 20
individuellen Maßnahmen an?, erläutert die Expertin zum Thema
Bettlägerigkeit. Das kann auch Dinge wie eine Umgestaltung des Gartens,
des Speisesaals, eine bessere Einbeziehung der Angehörigen oder eine
Vereinheitlichung der Handgriffe der Pflegenden beim Umbetten beinhalten.
Im Vordergrund stehe aber immer die Bestätigung und Wertschätzung der
Bewohner sowie die Frage, was der Einzelne noch selbst einbringen kann.

Ihr Programm ?Mobilitätsförderung in der Altenpflege? hat Prof. Zegelin in
den vergangenen Jahren in insgesamt fünf Einrichtungen in Bayern und
Berlin durchgeführt. ?Das Ergebnis war jedes Mal, dass die Leute wieder
mobiler geworden bzw. die Neuankömmlinge länger mobil geblieben sind.?
Nach diesen positiven Erfahrungen möchte sie das Programm nun auch auf
Nordrhein-Westfalen ausweiten. Prof. Zegelin: ?Dafür suchen wir noch
Pflegeeinrichtungen, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind.?

Weitere Informationen bei Prof. Dr. Angelika Zegelin, 02302 / 926-379 oder
-358, angelika.zegelin@uni-wh.de.

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine
Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als
Modelluniversität mit rund 1.300 Studierenden in den Bereichen Gesundheit,
Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma
Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit
Werteorientierung und Persönlichkeitsbildung.

Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.

Quelle und weiter Informatonen inkl. Bilder:
http://idw-online.de/de/news434592


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