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Gesunde Ernährung schützt das Gehirn

bearbeitet von unserem(r) Redakteur(in) Roland Bruzek

15.07.15




aus: Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Frank A. Miltner, 30.06.2015

Gesunde Ernährung schützt das Gehirn

Patienten mit einem hohen Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden und
Schlaganfälle können sich womöglich durch gesunde Ernährung vor geistigem
Abbau schützen. „Die Auswertung zweier großer Untersuchungen mit fast
30.000 Teilnehmern durch die kanadischen Kollegen zeigt, dass gesunde
Essgewohnheiten das Risiko kognitiver Einschränkungen und demenzieller
Erkrankungen im Alter tatsächlich verringern können“, kommentiert
Professor Dr. Agnes Flöel von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

„Die Erkenntnisse sind ein weiterer Schritt auf dem Weg zu soliden
wissenschaftlichen Empfehlungen, um das Demenzrisiko für Patienten wie
auch Gesunde zu senken“, so die Leiterin der Arbeitsgruppe Kognitive
Neurologie an der Klinik für Neurologie der Charité in Berlin. Welche
Nährstoffe für den positiven Effekt verantwortlich sind und ob auch andere
Faktoren wie eine verminderte Kalorienzufuhr positiv auf das Gehirn
wirken, wird derzeit weltweit intensiv untersucht. Auch auf dem 88.
Neurologenkongress, der mit rund 6000 Experten für Gehirn und Nerven vom
23. bis 26. September in Düsseldorf stattfindet, wird das Thema
diskutiert.

Für die Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift Neurology
veröffentlicht wurde, hat ein Forscherteam um Andrew Smyth von der
McMaster University im kanadischen Hamilton die Daten von zwei großen
Untersuchungen zur Wirkung blutdrucksenkender Medikamente neu ausgewertet.
Das Ergebnis: Die Studienteilnehmer, die sich am gesündesten ernährten,
hatten ein um 24 Prozent geringeres Risiko für geistigen Abbau im
Vergleich zu denen, die sich besonders ungesund ernährten.  Als „gesund“
galt dabei eine Diät mit viel Obst, Gemüse, Nüssen oder Eiweiß aus Soja
sowie bei tierischen Nahrungsmitteln die Formel „mehr Fisch als Fleisch“ –
im Gegensatz zum Konsum von zum Beispiel viel frittiertem Essen oder
Alkohol.

„Die Ergebnisse legen nahe, dass gesunde Essgewohnheiten nicht nur das
Herz-Kreislauf-Risiko sondern auch das Risiko für kognitive Störungen,
insbesondere bezüglich Aufmerksamkeits- und Kontrollfunktionen, aber auch
von Gedächtnisstörungen, senken könnten“, erläutert Flöel. Den deutlichen
Unterschied von 24 Prozent zwischen dem besten und dem schlechtesten
Fünftel der Teilnehmer hält sie in dieser großen, multinationalen Studie
für bemerkenswert.

Zusammenhang zwischen Essgewohnheiten und kognitiven Leistungen

Die 27.860 Teilnehmer der Studie aus 40 Ländern waren mindestens 55 Jahre
alt, sie litten an Herzerkrankungen oder hatten ein hohes Risiko für die
Zuckerkrankheit. Gemessen wurde die geistige Leistung anhand des Mini-
Mental-Status-Test (MMST), einem Standardtest zur Diagnose von Demenz und
Alzheimer. Der MMST wird als Interview durchgeführt. Anhand von festen
Aufgabenkomplexen werden zentrale kognitive Funktionen überprüft, wie
zeitliche und räumliche Orientierung, Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit,
Sprachverständnis, Lesen, Schreiben, Zeichnen und Rechnen. In der Studie
wurde der Test zu Beginn der Untersuchung und nach fünf Jahren
durchgeführt. In diesem Zeitraum beobachteten die Forscher etwa bei jedem
sechsten Studienteilnehmer eine Verschlechterung der kognitiven
Leistungen. Diese Informationen stellten Smyth und Kollegen dann den
Ergebnissen aus einer Befragung zu den Essgewohnheiten der
Studienteilnehmer gegenüber.

Auch Fasten und Bewegung helfen dem Gehirn

Flöel hält es allerdings auch für möglich, dass die errechnete
Risikoreduktion nicht allein auf das  gesunde Essen zurückgeht, sondern
auch eine Folge der verminderten Kalorienzufuhr sein könnte. Die
Forscherin selbst hat die positiven Auswirkungen solch einer „kalorischen
Restriktion“ bereits vor einigen Jahren am Universitätsklinikum Münster
nachgewiesen. Damals konnte Flöel zeigen, dass ältere Versuchspersonen im
Anschluss an eine dreimonatige verringerte Kalorienzufuhr besser lernten:
Die Lernleistung stieg um 20 Prozent gegenüber der Vergleichsgruppe.
Dieser Effekt beruht möglicherweise auf einem verbesserten Glukose-
Stoffwechsel und einer damit verbundenen, positiven Wirkung auf
insulinabhängige Stoffwechselwege im Gehirn, vermutet Flöel.

In der aktuellen Studie hatten die Forscher zwar mit statistischen
Methoden mögliche Auswirkungen des Rauchens, des Körpergewichts und von
sportlichen Aktivitäten herausgerechnet. Der unterschiedliche
Energiegehalt der Nahrung wurde aber nicht berücksichtigt. Statt dessen
ging es darum, wie viele Portionen Obst, Gemüse, Nüsse, frittiertes Essen
oder Alkohol täglich konsumiert wurden, und wie das Verhältnis von Fisch
zu Fleischprodukten und Eiern war.

Weiter kann die Studie nicht beantworten, welche Inhaltsstoffe der
„gesunden Lebensmittel“ letztlich für die positiven Effekte verantwortlich
waren. Dies wird weltweit derzeit intensiv untersucht, auch von der
Arbeitsgruppe von Professor Flöel. Mögliche Substanzen sind hier
Omega-3-Fettsäuren, B-Vitamine und Nährstoffe, die eine
Kalorienrestriktion imitieren, mit positiven Auswirkungen auf den Glukose-
Stoffwechsel. Hierzu gehört zum Beispiel das in Weintrauben vorkommende
Resveratrol oder die für Selbstreinigungsprozesse der Zelle wichtigen
Polyamine, die unter anderem in Weizenkeimlingen oder Sojabohnen enthalten
sind.

Dem geistigen Abbau aus eigener Kraft entgegenwirken

Trotz dieser Einschränkungen sei die Arbeit der Kollegen ein weiterer
Schritt nach vorne, lobt Flöel. Die Forschung sucht schon lange nach einem
wirksamen Schutz gegen Demenz. Neben gesunder Ernährung wird körperlicher
Aktivität eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Der Schlüssel liegt
daher in jedem Einzelnen: „Auch wenn viele Details noch nicht geklärt
sind, so scheint doch sicher, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, dem
geistigen Abbau aus eigener Kraft entgegen zu wirken. Eine gesunde und
maßvolle Ernährung und regelmäßige Bewegung gehören zu den präventiven und
wirkungsvollen Maßnahmen, die jeder heute schon umsetzen kann“, so Flöel.
Und zwar nicht erst, wenn die sich die Erkrankungen schon zeigen, wie bei
den Patienten der kanadischen Studie.

Quellen

Smyth A, et al: Healthy eating and reduced risk of cognitive decline: A
cohort from 40 countries. Neurology. 2015 Jun 2;84(22):2258-65

Witte AV, et al: Caloric restriction improves memory in elderly humans.
Proc Natl Acad Sci U S A. 2009 Jan 27;106(4):1255-60

Witte AV, Kerti L, Margulies DS, Flöel A. Effects of resveratrol on memory
performance, hippocampal functional connectivity, and glucose metabolism
in healthy older adults. J Neurosci. 2014;34(23):7862-70.

Witte AV, Kerti L, Hermannstädter HM, Fiebach JB, Schreiber SJ, Schuchardt
JP, Hahn A, Flöel A. Long-chain omega-3 fatty acids improve brain function
and structure in older adults. Cereb Cortex. 2014;24(11):3059-68.

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen

Prof. Dr. med. Agnes Flöel
Charité - Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Neurologie
Charitéplatz 1, 10117 Berlin
Tel: +49 (0) 30 4506 6028 4, E-mail: agnes.floeel@charite.de

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Frank A. Miltner, c/o albertZWEI media GmbH
Englmannstr. 2, 81673 München
Tel.: +49 (0) 89 46148622, E-Mail: presse@dgn.org

Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Rund 6000 Experten für Gehirn und Nerven tagten im September in Düsseldorf.
Von Demenz bis Epilepsie, von Schlaganfall bis Multiple Sklerose – der
DGN-Kongress ist das zentrale Wissenschafts-, Fortbildungs- und
Diskussionsforum der neurologischen Medizin in Deutschland. Journalisten
bietet er Gelegenheit zur Recherche sowie für persönliche Gespräche mit
den führenden Köpfen der deutschen und internationalen Neuromedizin.
Die DGN bietet ein gut ausgestattetes Pressezentrum mit Informationen und
Computer-Arbeitsplätzen.

 

Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.dgn.org/presse/pressemitteilungen/3073-gesunde-ernaehrung-schuetzt-das-gehirn

 

Quelle: Pressemitteilung: http://idw-online.de/de/news633940


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