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Neuer Arzneistoff gegen Multiple Sklerose zeigt Wirkung


21.01.10

Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
Universität Basel, lic. phil. Christoph Dieffenbacher, 21.01.2010

Neuer Arzneistoff gegen Multiple Sklerose zeigt Wirkung

Forschende des Universitätsspitals und der Universität Basel berichten
von erfolgreichen klinischen Studien über den Arzneistoff Fingolimod
zur Behandlung von Multipler Sklerose. Die Forschungsresultate
erscheinen in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine.

Fingolimod ist ein Arzneistoff zur Therapie von schubförmig
verlaufender Multipler Sklerose, dessen Wirkung auf einem neuartigen
Prinzip beruht: Das als Tablette verabreichte Medikament verhindert,
dass potenziell schädliche Immunzellen aus den Lymphknoten in die
Blutbahn gelangen. Dadurch können diese nicht zur Entstehung von
Entzündungen im Zentralen Nervensystem beitragen, die für einen
Grossteil der Krankheitserscheinungen bei Multipler Sklerose
verantwortlich gemacht werden. Zudem zeigen Untersuchungen, dass der
Arzneistoff auch direkt mit Zellen des Zentralen Nervensystems
reagiert, wo er eine schützende Wirkung entfalten und teilweise die
Wiederherstellung von Gewebe fördern kann.

Reduzierte Schubhäufigkeit

Die Basler Forscher um den Neurologen Prof. Ludwig Kappos konnten
zusammen mit einer internationalen Studiengruppe in einer zweijährigen
klinischen Studie mit 1272 Patienten zeigen, dass sich durch die
Therapie mit Fingolimod die Schubhäufigkeit bei schubförmiger
Multipler Sklerose um 54 bis 60% im Vergleich zu Placebo vermindert.
Auch eine Verschlechterung der mit der Multiplen Sklerose verbundenen
Behinderung konnte mit beiden getesteten Dosierungen von Fingolimod um
ca. 30% während der zweijährigen Studie signifikant vermindert werden.
Weiter konnten die Forscher mittels Magnetresonanztomographie zeigen,
dass sich die Zahl der entzündlichen Herde deutlich verringerte und
sich der Abbau von Hirngewebe (Atrophieentwicklung) signifikant
verzögerte.

Vergleichbare Nebenwirkungen

Die Häufigkeit der Nebenwirkungen war unter beiden Fingolimod-
Dosierungen auf dem gleichen Niveau wie unter Placebo. Die Anzahl
schwerer Nebenwirkungen mit der gleich wirksamen, niedrigeren
Fingolimod-Dosis war sogar geringer als beim Scheinmedikament. Im
Vergleich dazu ebenfalls nicht generell erhöht waren Nebenwirkungen
wie Infektionen und bösartige Tumore, die bei Medikamenten gefürchtet
sind, welche das das Immunsystem beeinflussen. Einige, mit der
Wirkungsweise von Fingolimod direkt zusammenhängende Nebenwirkungen
wie Herzrhythmusstörungen nach der ersten Dosis und leicht erhöhte
Blutdruckwerte während der Behandlung hatten nur in Einzelfällen
Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Studienteilnehmer. Ebenso
verhielt es sich mit erhöhten Leberwerten, die bei bis zu einem
Fünftel der Behandelten festgestellt wurden.

Fingolimod wirksamer als Interferon-Therapie

In einer zweiten, gleichzeitig publizierten Studie mit 1292 Patienten
mit schubförmiger Multipler Sklerose wurde Fingolimod während eines
Jahres einer etablierten Therapie mit Beta-Interferonen
gegenübergestellt. Auch hier konnten die Forscher zeigen, dass die
Häufigkeit von Schüben gegenüber der Interferon-Kontrollgruppe
signifikant um 38 bis 52% nachliess; zudem verminderten sich die
entzündlichen Zeichen und die Entwicklung von Atrophie. In dieser
einjährigen Studie zeigte sich kein Unterschied zwischen den
Präparaten hinsichtlich der Verschlechterung der Behinderung. Die
Verträglichkeit von Fingolimod war auch im Vergleich mit Interferon
insgesamt gut.

Zulassung beantragt

Bei den beiden Untersuchungen handelt es sich um sogenannte Phase-III-
Studien, welche die für die Zulassung entscheidenden Daten zum
Wirksamkeitsnachweis ermitteln. Beide Studien zusammen belegen eine
überlegene Wirksamkeit des neuen Präparats, das als Tablette
eingenommen werden kann. Bereits hat der Hersteller Novartis in
Europa, den USA und in der Schweiz Antrag auf Zulassung gestellt.
Damit ergibt sich die Chance, mit Fingolimod eine wirksame Alternative
zu den seit Anfang der 1990er Jahre eingesetzten Präparaten zur
Verfügung zu stellen, die nur in injizierbarer Form erhältlich sind.
Weitere Langzeitstudien werden eine exaktere Einschätzung des Nutzen-
Risiko-Verhältnisses dieser neuen, viel versprechenden
Behandlungsoption erlauben.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose ist eine meist über mehrere Jahrzehnte dauernde
Erkrankung des Zentralen Nervensystems, die in der Regel im jungen
Erwachsenenalter auftritt. Weltweit sind gut zwei Millionen Mensch
betroffen, davon rund 10 000 in der Schweiz. Bei über 80% verläuft die
Krankheit zunächst in Schüben mit neurologischen Störungen, die sich
teilweise oder ganz zurückbilden können, und mündet im Lauf der Jahre
in eine mehr stetige (chronische) Progression der Behinderung. Während
die eigentliche Ursache nach wie vor nicht bekannt ist, weiss man,
dass eine Überreaktion der körpereigenen Abwehr (Autoimmunität) zur
Zerstörung der Nervenumhüllung (Myelinscheide) und der Nervenfortsätze
(Axone) im Zentralen Nervensystem wesentlich beiträgt. Daneben spielen
auch nicht direkt mit der Entzündung zusammenhängende (degenerative)
Vorgänge eine Rolle.

Weitere Auskünfte:
Prof. Dr. Ludwig Kappos, Neurologische Klinik und Poliklinik,
Universitätsspital Basel, Tel. +41 61 265 41 54, E-Mail: SEble@uhbs.ch
Universitätsspital Basel, CH-4031 Basel, Telefon +41 61 265 25 25,
www.universitätsspital-basel.ch



aus dem Newsletter Feb-2010 von Physioweb.de
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Roland Bruzek

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