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RUB-Forscher entwickeln Brain-Training für Senioren

bearbeitet von unserem(r) Redakteur(in) Roland Bruzek

17.05.06




Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
Ruhr-Universität Bochum, Dr. Josef König, 17.05.2006


Auf der Suche nach Möglichkeiten, Alterungsprozesse zu beeinflussen
und damit positiv zu verändern sind die bei den Bochumer
Forschergruppen von Associate Prof. Dr. Hubert Dinse (Institut für
Neuroinformatik) und Prof. Dr. Martin Tegenthoff (Neurologische Universitätsklinik Bergmannsheil) einen großen Schritt weitergekommen:
Mit der Kombination aus speziellen Stimulationsprotokollen und
psychophysischen Experimenten konnten sie erstmals nachweisen, dass
altersbedingter Verschlechterungen des Tastsinnes von älteren Menschen
nicht irreversibel sind, sondern durch geeignete Stimulationstechniken
verbessert und damit rückgängig gemacht werden können. Die renommierte
Zeitschrift "Annals of Neurology" berichtet darüber in der Online-
Ausgabe vom 9. Mai.

30 Jahre jünger: Mit 80 fühlen wie mit 50
ANNALS OF NEUROLOGY: "Brain-Training" für Senioren
RUB-Neurowissenschaftler verbessern den Tastsinn

Auf der Suche nach Möglichkeiten, Alterungsprozesse zu beeinflussen
und damit positiv zu verändern sind die beiden Bochumer
Forschergruppen von Associate Prof. Dr. Hubert Dinse (Institut für
Neuroinformatik) und Prof. Dr. Martin Tegenthoff (Neurologische
Universitätsklinik Bergmannsheil) einen großen Schritt weitergekommen:
Mit der Kombination aus speziellen Stimulationsprotokollen und
psychophysischen Experimenten konnten sie erstmals nachweisen, dass
altersbedingter Verschlechterungen des Tastsinnes von älteren Menschen
nicht irreversibel sind, sondern durch geeignete Stimulationstechniken
verbessert und damit rückgängig gemacht werden können. Die renommierte
Zeitschrift "Annals of Neurology" berichtet darüber in der Online-
Ausgabe vom 9. Mai.

Alltagskompetenz und Tastsinn

Wenn sich alten Menschen die Hemdknöpfe verweigern, der Schlüssel
nicht ins Schloss will, sich der Schnürsenkel sperrt, ist ein
mangelhafter Tastsinn schuld: Im Alter lässt er um bis zu 400 Prozent
nach. "Eine zentrale Frage in der Altersforschung ist, ob die vielen
zu beobachtenden altersbedingten Beeinträchtigungen tatsächlich das
Ergebnis von Degenerations- und Abnutzungserscheinungen sind", erklärt
Associate Prof. Dinse. Wäre dies der Fall, müsste man davon ausgehen,
dass sie weitgehend irreversibel wären. Es könnte sich aber auch um
eine reine Funktionsstörung im Sinne einer so genannten maladaptiven
Plastizität handeln. In diesem Fall wären solche Beeinträchtigungen
durch geeignetes Training behandelbar. Um das ergründen, führten die
Forscher Versuchsreihen mit 65- bis 89-Jährigen Probanden durch.

Tastfähigkeit des Fingers objektiv messen

Sie maßen zunächst die taktile "2-Punkte-Diskriminationsschwelle", die
die Tastschärfe der Fingerkuppen objektiv beschreibt. Es wird die
Fähigkeit von Versuchspersonen gemessen, zwei Punkte auf ihrer
Zeigefingerkuppe räumlich zu unterscheiden. Dazu berührten die
Probanden je zwei Nadeln, die in unterschiedlichen Abständen
zueinander montiert waren. Bis zu einer gewissen Nähe nahmen sie die
Spitzen noch als zwei getrennte wahr, standen sie jedoch sehr nahe
beisammen, wurden sie als eine Nadel wahrgenommen. Das Ergebnis ist
die sog. Unterscheidungsschwelle.

Lernen durch passives Training

Dann absolvierten die Versuchspersonen ein "passives Training": Über
mehrere Stunden hinweg wurden ihre Fingerspitzen mittels einer
vibrierenden Membran gereizt. Diese kleinen Berührungsreize aktivieren
bestimmte Bereiche der Zeigefingerspitze. Die zugrunde liegende
Annahme ist, dass, wie der kanadische Psychologie Hebb schon vor 50
Jahren postulierte, Gleichzeitigkeit (Simultanität) von Sinnesreizen
die Art der synaptischen Übertragung zwischen Nervenzellen und damit
Lernprozesse verbessert. Da diese "Koaktivierung" mobil über ein
kleines tragbares Gerät erfolgte, konnten die Testpersonen während der
Trainings normalen Tätigkeiten nachgehen. Das Ergebnis der
Koaktivierung deutet tatsächlich darauf hin, dass es sich um eine
"maladaptive Plastizität" handelt: Nach dreistündiger Stimulation des
Zeigefingers hatte sich die taktile Diskriminationsfähigkeit der
älteren Versuchsteilnehmer stark verbessert. So erreichte eine
85-jährige Person eine Tastschwelle, wie sie typischerweise bei
50-jährigen zu finden ist.

Alternatives Interventionskonzept: "Passives Gehirntraining"

"Der entscheidende Vorteil solcher passiver Stimulationsprotokolle
ist, dass sie ohne aktives Mitmachen des Teilnehmers und sogar
nebenbei ablaufen können, z.B. während der Teilnehmer liest, fernsieht
oder spazieren geht", so Prof. Tegenthoff. "Die rein passive
Stimulation verspricht neue Therapieansätze, gerade für ältere
Menschen oder auch Patienten mit neurologischen Störungen, z. B. nach
einem Schlaganfall oder einer Hirnverletzung. Sie können sich oft
nicht ausreichend lange auf die erforderlichen Verhaltenstherapien
konzentrieren oder selbst aktiv mitmachen". Der passiv orientierte
Therapieansatz spart zudem Kosten aufgrund seines geringeren
Personalbedarfs.

Wunschbild "Jungbrunnen": Konsequenzen für alternde Gesellschaften

In solchen Therapieansätzen sehen die Forscher einen wichtigen
Fortschritt, vor allem angesichts der Alterstruktur industrialisierter
Gesellschaften, in denen es immer mehr alte und weniger junge Menschen
gibt. Voraussetzung dafür, dass alte Menschen lange selbstständig und
allein leben können ist es, die sensomotorischen Fähigkeiten bis ins
hohe Alter hinein "fit" zu halten. "Vor dem Hintergrund der
demografischen Veränderungen ist ein besseres Verständnis
altersbedingter Änderungen, insbesondere des Gehirns,
Grundvoraussetzung, um die damit einhergehenden Probleme möglichst
vorausschauend angehen zu können", erklärt Dinse. "Ein zentraler
Gesichtspunkt ist dabei das, was man heute als 'gesundes Altern'
bezeichnet: Dabei steht nicht im Vordergrund, immer älter zu werden,
sondern möglichst lange gesund leben zu können."

Die Förderer

Die Studie wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die
Medizinische Fakultät der Ruhr-Universität (FoRUM), die Schering-
Stifung, die Studienstiftung des Deutschen Volkes, und die
International Graduate School of Neuroscience (IGSN) der Ruhr-
Universität unterstützt.

Titelaufnahme

Dinse HR, Kleibel N, Kalisch T, Ragert P, Wilimzig C, Tegenthoff M
(2006) Tactile coactivation resets age-related decline of human
tactile discrimination. Ann Neurol, DOI: 10.1002/ana.20862, Text im
Internet: http://www3.interscience.wiley.com/cgi-bin/fulltext/112607968/HTMLSTART

Weitere Informationen

Associate Prof. Dr. Hubert R. Dinse, Institut für Neuroinformatik der
RUB, Tel: +49(0)234/32-25565, Fax: +49(0)234/32-14209, E-Mail:
hubert.dinse@neuroinformatik.ruhr-uni-bochum.de
http://www.neuroinformatik.ruhr-uni-bochum.de/PROJECTS/ENB/enb_d.html

Prof. Dr. Martin Tegenthoff, Neurologische Universitätsklinik der RUB,
BG-Kliniken Bergmannsheil, Tel: +49(0)234/302-6808, Fax: +49(0)234/302-6888,
E-Mail: martin.tegenthoff@ruhr-uni-bochum.de , Internet:
http://www.bergmannsheil.de/neurologie

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